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Fragen zur Stückwahl
Warum man ein bestimmtes Stück gewählt hat ist eine Frage, die man sich bis zu Letzt stellt. Wir hatten eine Geschichte mit Substanz gesucht. Das bietet «Dogville» im Übermass. Es ist ein dramatischer Stoff, nicht hundert Mal abgespielt, ein aussergewöhnliches Stück. Für einmal keine Uraufführung, aber auch kein beliebiger Griff ins Büchergestell der abgegriffenen Klassiker.
Die Commedia Adebar feiert ein Jubiläum. Der 20-jährigen Handschrift der Gruppe treu zu bleiben war selbstverständlich. Mit der Inszenierung einen Massanzug schneidern auf die Gruppe und die Wahl eines inspirierenden Ortes, sind auch diesmal entscheidende Bestandteile des Prozesses gewesen. Aber sich in der bisherigen Bandbreite von Stücken auf die ernstere Seite des Lebens schlagen und eine höhere Windstärke erproben, das war eine neue und selbsternannte Herausforderung.
In «Dogville» konfrontieren wir uns inhaltlich mit einem intensiven Diskurs. Die Geschichte endet radikal und gefährlich wie in alten Märchen, ist aber kein Märchen. «Dogville» ist ein vielschichtiges dramatisches Konstrukt mit einem Hauch Jagdstück, einem Schuss Krimi und einem Unterton Menschheits-Drama. «Dogville» ist ein stark chiffrierter sozialer Kosmos, ein «Universum in der Nussschale». Aber die Kernthemen treffen uns direkt in unserem Alltag.
Wir waren in den Probengesprächen mit persönlichen Fragen konfrontiert, wie: Wieviel tägliche Selbsttäuschung braucht es zum Überleben? Können Verständnis und Vergebung eine Spielart der Arroganz sein? Wieweit reichen die Konsequenzen meines Handelns? «Ich Mensch trage Verantwortung; der Hund nicht. Warum?» In den Proben legten wir unzählige Themen aus. Im Spiel bündeln wir eine Auswahl.
Die Commedia Adebar hat sich bereit erklärt, die Verantwortung für das Jubiläumsprojekt «Dogville» zu tragen. Die Spielerinnen und Spieler bewältigen eine mutige Bergtour: Vor ihrer disziplinierten Ausdauer, ihrem grandiosen Einsatz und Vertrauen in die gemeinsame Seilschaft verneige ich mich.
Barbara Schlumpf, Regisseurin / Künstlerische Leitung
Dogville ist überall
Eine einfache Geschichte Ein Dorf am Ende der Welt, ganz sich selbst überlassen und wahrlich keine Reise wert, wird von einer schönen Fremden um Asyl ersucht. Sie ist auf der Flucht vor dem organisierten Verbrechen, wie es scheint. Das Gebot der Nächstenliebe verlangt, ihr Schutz zu gewähren. Doch so sehr sich auch die Einwohner bemühen, all ihre Rechtschaffenheit unter Beweis zu stellen, entgleitet ihnen nach und nach der eigene Anspruch an humanitäre Selbstlosigkeit. Kaum ist sie zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben wird die schutzlose Flüchtige zur Ware; ihr Wert bemisst sich nach dem ausgesetzten Kopfgeld und dem gestiegenen Risiko, sie zu verstecken. Als Gegenleistung muss sie immer mehr von ihrer Selbstbestimmung aufgeben, bis schließlich die Grenzen zur materiellen und sexuellen Ausbeutung grausam überschritten sind. Dabei bekleckert sich ihr Fürsprecher Tom als selbsternannter Moralpädagoge keineswegs mit Ruhm, wird er doch seinen eigenen Ansprüchen nicht im Geringsten gerecht. Nicht einmal die Flucht aus der Misere wird ihr, die ja schon als Flüchtige nach Dogville gekommen ist, zugestanden: Sie wird zurückgeschleppt, angekettet wie ein Hund und dient den Dorfbewohnern nur noch zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse.
Der Däne Lars von Trier (*1956) ist einer der pointiertesten europäischen Filmemacher unserer Zeit. In seinen Filmen, wie zum Beispiel «Europa» (1991), «Breaking the Waves» (1996), «Idioten» (1998) oder eben «Dogville» (2003) verfolgt er eine konsequente Ausarbeitung seiner Themen. Dies hat im nicht zuletzt den Ruf eines schmerzhaften Provokateurs eingebracht. Aber bei näherer Betrachtung muss man eingestehen, daß es vor allem die Genauigkeit seiner Beobachtungen und das konsequente Hinterfragen liebgewonnener (Denk-)Gewohnheiten sind, die provozieren. Dabei kratzt er gerne an der dünnen Schale unserer Zivilisation und ihrer humanistischen Wunschvorstellungen: All zu schnell bricht darunter das Zügellose und Triebhafte hervor, das Bedürfnis, zu dominieren und zu übervorteilen.
Doch zu beweisen, daß der Mensch des Menschen Wolf ist, wäre allzu simpel. Vielmehr zeigt Lars von Trier in seinen Filmen und Texten immer wieder auf, daß der Mensch voller außerordentlich guter Vorsätze ist und gleichermaßen schlecht darin, sie umzusetzen. Erst hierdurch entsteht die tragische Fallhöhe, die den Wert einer guten Geschichte ausmacht: Es wäre doch so einfach gewesen, es hat so wenig gefehlt, alles zum Guten zu wenden; die Liebe und die Moral hätten gesiegt, wenn nicht ...! Auch in Dogville bleiben Liebe und Moral auf der Strecke, da
die Bewohner, allen voran Tom, letztlich doch nur auf die kurzfristige Befriedigung ihrer Bedürfnisse aus sind.
Dogville ist überall. Lars von Trier ist ein listiger Geschichtenerzähler, denn er verführt die Zuschauer in sein Reich der Mehrdeutigkeiten und ideologischer Mausefallen. Auch wenn das Städtchen irgendwo in den Rocky Mountains liegt, und der Film der erste Teil einer (unvollendeten) «USA-Trilogie» ist, soll dieser Hintergrund nur ein Tableau sein zu weit allgemeineren Feststellungen. Von Trier war nie in den USA und seine Kritik zielt auch nicht spezifisch auf das Mutterland des modernen Kapitalismus. Vielmehr ist Dogville charakteristisch für den modernen Menschen an sich. Die Bewohner Dogvilles sind eine zusammengewürfelte Gemeinschaft, mit dem kleinsten gemeinsamen Ziel: Sich gegenseitig zumindest nicht der Illusion zu berauben, irgendeine Wichtigkeit im Leben zu haben.
Till Fiegenbaum, Dramaturg |
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